Dumped Energy – Energie zum Wegwerfen?

  • Ein Beitrag von Jörg Diettrich Dipl.-ing. (FH)


    Im NETZENTWICKLUNGSPLAN STROM 2030, VERSION 2017, 1. ENTWURF taucht zum ersten mal der Begriff „Dumped Power“ auf. (1)


    Zitat: „Dumped Power, dass heißt nicht verwertbare Leistung, ergibt sich aus einem Überschuss an Leistung ohne Berücksichtigung der Netzrestriktionen zu einem bestimmten Zeitpunkt …. „


    Der Begriff „nicht verwertbare Leistung“ ist an sich schon irreführend. Es ist zunächst erst mal die Leistung die im Netz zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht übertragen werden kann. Eine sinnvolle Verwertung der erzeugten elektrischen Leistung ist immer möglich. In der Fortsetzung des Zitats wird der Grund für die „nicht Verwertung“ deutlich:


    „Der Überschuss in einem Marktgebiet ergibt sich aus der Summe der Einspeisungen, die trotz geringster Strompreise am Markt nicht zurückgefahren werden können...“


    Der Strommarkt ist kein Markt wie jeder andere. Die Stromversorgung ist heute unsere wichtigste Lebensgrundlage. Deshalb hat die Sicherung unserer Stromversorgung absoluten Vorrang vor marktwirtschaftlichen belangen. Diese überlebenswichtige Notwendigkeit wird von der Politik nicht anerkannt, ja nicht einmal zur Kenntnis genommen.


    Das Überschussszenario – der erste Schritt zum Blackout


    Es gibt dennoch schon heute Situationen (windreicher, heller Sommertag), in denen theoretisch alle konventionellen Kraftwerke abgeschaltet werden könnten und die Erneuerbaren trotzdem viel mehr Strom ans Netz liefern als diesem zur gleichen Zeit entnommen wird. Wenn man das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch nicht umgehend wieder herstellt, bricht das Netz wegen „zu viel Energie“ zusammen. Das ist kein Problem des Netzausbaus.


    Die Frage ist nun, was mit temporär überschüssig erzeugtem Strom geschehen soll.


    Was gegenwärtig technologisch von vornherein nicht funktioniert, ist die am Netz befindlichen konventionellen, fossilen Kraftwerke komplett herunterzufahren. Die von diesen Kraftwerken nach wie vor gelieferte Leistung – derzeit in Deutschland mindestens 27 GW – verschlimmert die Überschusssituation. Dann den temporär überschüssigen Strom vernichten, um den Gleichgewichtszustand des Netzes zu bewahren? Wir halten das für keine Idee, die man ernsthaft diskutieren sollte, auch wenn genau das im ersten Entwurf der 2019er Version des Netzentwicklungsplans Strom 2030 erstmals geschieht. Für die Verfasser dieses Dokumentes gehört „Dumped Power“ zum Instrumentarium „marktwirtschaftlicher Flexibilität“ - einer Flexibilität, für die wir als Bürger bezahlen sollen.


    (1) https://www.netzentwicklungsplan.de/sites/default/files/paragraphs-files/NEP_2030_1_Entwurf_Teil1_0.pdf S.68


    Es entsteht also die perverse Situation, dass wir auch mit koventionellen Anlagen Strom erzeugen, fossile Brennstoffe verbrauchen, unsere Umwelt massiv belasten, nur um im Anschluss diese Energie wieder zu vernichten. So etwas hat, entgegen aller anders lautender Behauptungen, mit Nachhaltigkeit nichts zu tun, das ist nachhaltiger Irrsinn ganz im Sinne der Marktwirtschaft.


    Es gibt noch viele Probleme, aber auch Lösungen, die nicht thematisiert werden weil sie nicht im Interesse bestimmter Lobbygruppen sind. Eine sachliche, von jeglicher Ideologie befreite Betrachtung, findet nicht statt. Die grundsätzliche Frage, wie wir die notwendigen Umstellung auf regenerative Energieformen (EE) gemeinsam, mit und im Interesse aller Bürger schaffen, ist völlig offen. Die Umstellung auf EE betrifft die ganze Gesellschaft und ist so tiefgreifend, dass sich auch ganze Gesellschaft in diesen Prozess einbringen muss. Das gegenwärtige Verfahren schließt aber den größten Teil dieser Gesellschaft aus. Uns als betroffene Bürger wird zwar ein Mitspracherecht zugestanden, aber kein verbindliches Recht zum Mitentscheiden.
    Wie lange wollen wir uns das noch gefallen lassen? Wir wollen und müssen Mitentscheiden!