Studie: Geopolitik des Stroms – Netz, Raum und Macht

    • Offizieller Beitrag

    Studie: Geopolitik des Stroms – Netz, Raum und Macht

    Übertragungsnetzausbau ist kein Friedensprojekt.


    Wer wissen will, warum das EU-Netz ausgebaut werden soll, sollte diese Studie lesen: Es geht um pure Machtpolitik und um die Expansion des Strommarktes. Der Kampf um den Einfluss bei der Neukonfiguration der Stromnetze findet weitgehend unbemerkt statt, unter anderem an den Grenzen des ehemaligen sowjetischen Verbundnetzes. Meist wird beim Thema Netzaubau nur das deutsche Netz isoliert betrachtet, womit der eigentliche Sinn der grenzüberschreitenden Stromverbindungen so gut wie nicht in der Öffentlichkeit diskutiert wird. "Der Windstrom muss vom Norden in den Süden", so die gängige Sicht.


    Die Studie öffnet den Blick auf die eigentlichen Hintergründe (leider hinterfragt sie diese Ziele nicht kritisch), unter anderem kommt sie zu diesem Ergebnis: "Eine Integrationskonkurrenz zwischen der EU und Russland ist unübersehbar."
    Klar erkennbar ist: Es geht beim Netzausbau nicht um die Förderung der Energiewende. Der geplante grenzüberschreitende Netzausbau entspricht offensichtlich nicht den Zielen einer "sicheren, preisgünstigen, verbraucherfreundlichen, effizienten und umweltverträglichen" Stromversorgung der Allgemeinheit, wie es § 1 des Energiewirtschaftsgesetzes verlangt.


    Das Stromnetz ist eine kritische Infrastuktur, für die Cyberangriffe eine ernsthafte Gefahr darstellen. Dezentrale, zellulare Versorgungsstrukturen mit einem massiven Ausbau von Erneuerbaren Energien, einem stabilen Verteilnetz, Speichern und Reservekraftwerken erscheinen gerade auch vor den aktuellen politischen Entwicklungen in Europa vernünftiger denn je. /dh





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    Überblick:

    • Die geopolitische Bedeutung von Strom wird unterschätzt, obwohl Stromnetze Räume konstituieren. Sie etablieren neue Einflusskanäle und Macht­sphären in politischen Gemeinwesen und über sie hinaus.
    • Im Kontinentalraum Europa-Asien treffen Verbundnetze und Interkonnektoren, also grenzüberschreitende Übertragungsnetzverbindungen, aufeinander. Interkonnektoren markieren neue, teilweise konkurrierende Integrationsvektoren, die Verbundnetze transzendieren.
    • Dabei ist die Zugehörigkeit zum europäischen Netzverbund attraktiv, denn synchrone Netze sind Schicksalsgemeinschaften, in denen Sicherheit und Wohlfahrt geteilt werden.
    • Deutschland und die EU müssen eine Strom-Außenpolitik entwickeln, um das europäische Stromnetz zu optimieren und modernisieren, zu verstärken und zu erweitern. Vor allem aber sind Deutschland und die EU gefordert, Interkonnektivität über das eigene Verbundnetz hinaus mitzugestalten.
    • Chinas Strategie, mit seiner Belt and Road Initiative Infrastrukturen auf das Reich der Mitte auszurichten, wird auch beim Strom immer offensichtlicher. Dabei setzt Peking Standards und Normen und baut seine strategische Reichweite auch zum Vorteil der eigenen Wirtschaft aus.
    • In der östlichen EU-Nachbarschaft dominiert die Geopolitik seit dem Ende des Ost-West-Konflikts die Konfiguration der Stromnetze. Eine Integrationskonkurrenz zwischen der EU und Russland ist unübersehbar.
    • Das östliche Mittelmeer, der Kaspische Raum und Zentralasien wandeln sich von Peripherien in neue Verbindungsräume. Dort konkurrieren die EU, China, Russland und jenseits des Schwarzen Meeres auch Iran und die Türkei um Einfluss bei der Neukonfiguration der Stromnetze.