Die Erfindung des Vollpfostens - Mit Mini-Strommasten für die Energiewende?

  • Mini-Strommasten sollen die Energiewende retten? Die "WELT" ist sich wie schon häufig zuvor nicht zu schade, Lobbyismus eine Plattform zu bieten: Jetzt durfte 50Hertz (bis zur bayerischen Grenze für Korridor D zuständig) mal wieder einen Werbeartikel platzieren. Wir präsentieren: Der Zwergen-Strommast "compactLine", klein, unauffällig, aber trotzdem bestens geeignet, um große Mengen an Kohle- und Atomstrom durch Europa zu leiten.


    Unter einer innovativen Energiewende verstehen Energiekonzerne und Netzbetreiber offensichtlich die Anhäufung von möglichst vielen Pilotprojekten. Nicht nur die Verwendung von HGÜ-Technik in eng bewohnten Gebieten und die Auswirkungen des Gleichstroms auf den menschlichen Organismus sind unerforscht, jetzt wurden noch weitere spannende Unbekannte für ein neues deutsches Milliardengrab gefunden: Minikompaktmasten mit straff gespannten Leiterseilen. In England will man die Masthöhe mittels einer höheren Dichte der Masten niedrig halten, 50Hertz ist ehrgeiziger: Kleine Masten von nur 36 Metern Höhe, und trotzdem nicht mehr an der Zahl.


    Wie das geht? Einfach tiefer bohren (vielleicht findet man dabei ja auch gleich noch ein wenig Öl, wäre doch toll)! Und dann die Seile so richtig fest spannen, bis es nicht weiter geht - "straff wie Gitarrensaiten", ein fast schon sympathischer Vergleich, der vermutlich beruhigend wirken soll.


    "Wir nähern uns den Belastbarkeitsgrenzen des Materials, deshalb ist die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung bei diesem Projekt von Anfang an mit im Boot", sagt Frank Golletz, Technischer Geschäftsführer von 50Hertz. Aua, das könnte tatsächlich wehtun, wenn die gespannten Seile dann - ping! - wie eine überspannte Saite reißen. Nur dass hier leider nicht nur ein Fingerchen bitzelt, das ist dann ein größeres Problem. Aber ist schon richtig, einfach mal ausprobieren, ob´s nicht doch klappt.


    Der Vollwand-Mast "compactLine" zeichnet sich dadurch aus, dass er im Gegensatz zu einem herkömmlichen Stahlgittermasten nicht so leicht von Stromtrassen-Gegnern durchgesägt werden kann. Außerdem will das natürlich niemand, denn diese Kompaktmasten werden unglaublich schön aussehen. Die Deutsche Umwelthilfe e.V. beschreibt den Vorteil des widerstandsfähigen Materials wie folgt: "Kompaktmasten erlauben es, Freileitungen besser in das Landschaftsbild einzupassen. Die schlanken Masten beeinträchtigen touristisch wertvolle Gebiete deutlich weniger als herkömmliche Mastsysteme: Durch ihre Bauform und das individuell anpassbare Design (mit Beton und Stahl lassen sich auch Sonderformen realisieren)."
    [
    http://kompaktmast.at/stakeholder/ ]


    Klingt das nicht unglaublich verlockend? Sonderformen!!! Geil!!! Alles wird gut!!! Lasst uns eine Ausschreibung machen: Wer hat die schönste Masten-Idee, die zum Beispiel gut in die fränkische Landschaft und die Wälder an den Hängen des Moritzberg passt? Da fällt uns bestimmt was ein, und nicht vergessen, das Material ist wahnsinnig anpassungsfähig. Aus Beton und Stahl lassen sich so schöne Dinge machen, die sich genial in die Umgebung (Waldgebiete beispielsweise) einfügen. Danach sieht niemand mehr, dass dort eine Trasse ist.


    Na ja, vielleicht doch ein wenig... aber auch die Breite der zu schlagenden Schneise wird geringer werden, von 72 Metern für konventionelle Stahlgittertürme auf eine Trassenbreite von 55 bis 60 Metern für den "hohlwandigen Kompaktturm". Auf so etwas können nur Techniker kommen: Sie würgen sich eins ab, um die Breite um ein paar läppische Meter zu reduzieren (und ich glaube gerne, dass das technisch gar nicht so einfach ist), nur leider ist das Resultat irgendwie immer noch ziemlich breit und nicht zu übersehen. Wen interessiert die äußere Form, wenn Kohle- und Atomstromtrassen die Energiewende kaputt und den Atomausstieg zunichte machen?


    Aber danke für den Versuch, liebe Erfinder des Vollpfostens.



    http://m.welt.de/wirtschaft/en…-Energiewende-retten.html

  • Die Artikel um das Design von Strommasten sind immer recht unterhaltsam. Hier der Link zu einem Artikel, bei dem es um die 380kV-Leitungen der Ostküstenleitung geht.


    Vom Kreis Ostholstein wurde um Vorschläge von externen Anbietern gebeten, damit man der Bevölkerung mal aufzeigen kann, wie nett so ein Strommast daherkommen kann. Diese Entwürfe sind zwar letzten Endes überwiegend nicht finanzierbar (bis auf den oben schon genannten Vollpfosten, den Tennet propagiert), aber die Aktion macht offensichtlich einigen Verantwortlichen Spaß. Und lenkt zudem von der eigentlichen Problematik ab, dass diese Stromleitungen zum Beispiel Elektrosmog verursachen und außerdem ungemütlich brummen.


    Sehr humorig auch die Idee von Stefan Kehl, Chef der Grünen-Kreistagsfraktion in Stormarn, der demnach auch dem Märchen von "Energiewende = Trassen und je mehr, desto besser" anhängt:
    „Wenn man dem Ministerpräsidenten von Bayern, Horst Seehofer, vorschlagen würde, für die Strommasten Modell zu stehen, dann wäre er ja vielleicht bereit, die Stromleitungen, die aus dem Norden kommen, durch sein Bundesland laufen zu lassen.“. Der Brüller.

    Gegenvorschlag: Wenn man den Grünen versprechen würde, dass die Atomkraftwerke in Deutschland auch wirklich trotzdem abgeschaltet werden, ohne dass sie sich als Werbefuzzis für die Megatrassen der Großkonzerne betätigen, würden sie dann vielleicht einfach mal die Klappe halten und sich wieder wirklich grünen Themen zuwenden, so wie früher, wo sie mal eine richtig taugliche Partei waren, die man wählen konnte?


    Strommast ist nicht gleich Strommast (LN Online 13.06.15)
    http://www.ln-online.de/Lokale…st-nicht-gleich-Strommast

  • In einer Akzeptanzstudie von 50Hertz zum Thema Kompaktmast wurde festgestellt: Die Befragten finden diesen Masten wesentlich hübscher als die sonst üblichen Stahlgitter-Donaumasten.
    Dies nimmt der Netzbetreiber zum Anlass, den Einsatz von compactLine-Masten für geeignet zu halten, auch bei der Aufrüstung von Trassen 220 kV auf 380 kV. Die Masthöhe wird sich dabei auf nur noch 30 bis 36 Meter im Vergleich zu Stahlgittermasten halbieren.


    Das eigentliche Problem, das der elektromagnetischen Strahlung, ist damit nicht behoben. Weder in Europa noch im Bundesgebiet selbst herrscht Einigkeit oder gar ein allgemeingültiger Wissensstand zum Thema Stromtrassen, Gesundheit und Strahlenschutz. In der Schweiz nimmt man dies zum Anlass, nach dem Vorsorgeprinzip sicherheitshalber auf möglichst niedrige Grenzwerte zu setzen. In Deutschland darf die elektromagnetische Strahlung (bei Vollbelastung direkt unter der Leitung einen Meter über dem Boden gemessen) mit 100 Mikrotesla das Hundertfache betragen.


    OTZ: "Positives Votum für niedrigere Strommasten"


    TA: "Flacher und schmaler: So sollen Thüringer Stromtrassen aussehen"